Die Studie zeigt klar: Die Offenheit für Genderneutralität ist in Österreich da. | © Marketagent
Genderneutralität ist in Österreich angekommen – zumindest auf der Haltungsebene. Doch wie eine aktuelle, repräsentative Studie des Online-Research-Instituts Marketagent zeigt, wird die Zustimmung deutlich vorsichtiger, sobald es um konkrete Umsetzungen geht. Besonders sichtbar wird diese Ambivalenz beim Thema Unisex-Toiletten.
Grundsätzliche Offenheit, differenzierte Umsetzung
Für die Studie wurden 1.000 Personen in Österreich befragt. Das Ergebnis: 74 Prozent der Bevölkerung stehen geschlechtsneutralen Konzepten grundsätzlich neutral bis positiv gegenüber. Gleichzeitig zeigt sich, dass die Akzeptanz stark vom jeweiligen Anwendungsfeld abhängt.
Während knapp 24 Prozent Bewerbungen ohne Geschlechtsangabe begrüßen würden, findet eine geschlechtsneutrale Sortierung von Kleidung im Handel – also nach Stil statt nach Geschlecht – lediglich bei 14 Prozent Anklang. Auffällig ist dabei der Generationen- und Wertegraben: Jüngere Menschen sowie Befragte mit linker politischer Orientierung zeigen deutlich mehr Offenheit als ältere oder konservativer eingestellte Gruppen.
„Unsere Studie zeigt klar: Die Offenheit für Genderneutralität ist in Österreich da, aber sie verläuft entlang von Generationen und politischen Linien. Jüngere und progressiv eingestellte Menschen sind eher bereit, Neues auszuprobieren, während Ältere stärker an Gewohntem festhalten“, erklärt Andrea Berger, Research & Communications Manager bei Marketagent.
Unisex-WCs: Zustimmung zur Idee, Unsicherheit in der Praxis
Am deutlichsten wird die Zurückhaltung beim Thema geschlechtsneutrale Toilettenanlagen. Nur 19 Prozent der Befragten bewerten Unisex-WCs positiv, weitere 25 Prozent stehen ihnen neutral gegenüber. Die Mehrheit – 57 Prozent – äußert sich hingegen ablehnend.
Trotzdem spricht sich mit 53 Prozent etwas mehr als die Hälfte grundsätzlich für die Einführung von Toiletten ohne Geschlechtszuordnung aus. Entscheidend ist dabei das „Wie“: 42 Prozent möchten Unisex-Toiletten ausschließlich als Ergänzung zu bestehenden Damen- und Herren-WCs, nicht als Ersatz. Besonders kritisch zeigen sich Befragte rechts der politischen Mitte – hier lehnen 67 Prozent die Einführung generell ab.
Pragmatische Argumente statt ideologischer Debatten
Interessant ist, dass die Vorteile geschlechtsneutraler WCs weniger ideologisch als vielmehr praktisch bewertet werden. 28 Prozent sehen darin eine Erleichterung für Familien mit Kindern, 25 Prozent erwarten Vorteile bei Planung und Baukosten, 19 Prozent hoffen auf kürzere Wartezeiten. Zudem erkennen 23 Prozent eine wichtige Erleichterung für Menschen, die sich keinem eindeutigen Geschlecht zuordnen.
Gleichzeitig bleibt das persönliche Unwohlsein hoch: 63 Prozent der Befragten würden sich bei der Nutzung eines Unisex-WCs nicht wohlfühlen. Besonders ausgeprägt ist diese Skepsis bei Frauen (72 Prozent, Männer: 55 Prozent). Bei freier Wahl würden 86 Prozent weiterhin getrennte WC-Anlagen bevorzugen.
Als Beitrag zur Gleichberechtigung werden geschlechtsneutrale Toiletten bislang nur von 25 Prozent der Gesamtbevölkerung wahrgenommen – bei den 14- bis 29-Jährigen liegt dieser Wert immerhin bei 40 Prozent.
Wahlfreiheit als Schlüssel zur Akzeptanz
Marketagent-Founder Thomas Schwabl ordnet die Ergebnisse ein: „Genderneutrale Toiletten sind weniger ein Kulturkampf als ein Komfortthema. Die meisten Österreicher*innen sind offen für neue Formen der Inklusion, wünschen sich jedoch Wahlfreiheit. Am Ende gilt wie so oft: Fortschritt funktioniert dann am besten, wenn er mit den Menschen gestaltet wird und ihnen Raum lässt, Vertrautheit zu entwickeln.“
Die Studie zeigt damit klar: Geschlechtsneutrale Konzepte stoßen in Österreich nicht auf grundsätzliche Ablehnung, wohl aber auf den Wunsch nach Freiwilligkeit, Transparenz und praxisnaher Umsetzung – insbesondere in sensiblen Bereichen wie der Sanitärinfrastruktur.
