Neben der strukturellen Erhaltung wurde das Gebäude technisch umfassend aufgewertet. | © BDÖ/Katharina F. Roßboth
Im Wiener Bezirk Landstraße entsteht mit dem Projekt „enna“ ein Beispiel dafür, wie Bestandsgebäude zur Ressourcenschonung beitragen können. Statt eines Abrisses wurde ein Bürobau aus den 1980er-Jahren umfassend revitalisiert. Der Erhalt der bestehenden Betonstruktur spart laut Projektangaben rund 40 Prozent CO₂ im Vergleich zu einem Neubau.
Das Gebäude an der Erdberger Lände wurde ursprünglich 1984 errichtet und zuletzt von den ÖBB genutzt. Nach dem Eigentümerwechsel entschied sich Art-Invest Real Estate für eine Modernisierung statt eines Neubaus – ein Schritt, der sich sowohl ökologisch als auch wirtschaftlich rechnet: Kurz vor Fertigstellung sind bereits 85 Prozent der Flächen vermietet.
Betonbau als Grundlage für nachhaltige Nutzung
Die Entscheidung für den Erhalt des Tragwerks basiert auf der Langlebigkeit der bestehenden Struktur. „Planung, Konstruktion und Materialwahl bestimmen, wie nachhaltig sich ein Gebäude nutzen lässt und ob es sich künftig als Materiallager fürs Um- und Weiterbauen eignet“, erklärt Claudia Dankl, Vorstandsmitglied von Beton Dialog Österreich.
Insgesamt konnten durch die Weiterverwendung der Bausubstanz rund 10.000 Tonnen CO₂-Äquivalente eingespart werden. Etwa 60 Prozent der Materialien wurden im Zuge der Revitalisierung wiederverwendet, darunter auch Fassadenelemente aus Aluminium, die neu beschichtet und ergänzt wurden.
Technische Modernisierung und neue Nutzungskonzepte
Neben der strukturellen Erhaltung wurde das Gebäude technisch umfassend aufgewertet. Dazu zählen eine thermische Sanierung, die Integration einer Photovoltaikanlage sowie neue Deckenpaneele für Heizung und Kühlung. Diese werden über Fernwärme betrieben und direkt an den sichtbaren Betonflächen montiert.
Auch funktional wurde das Gebäude neu gedacht: Flexible Büroflächen, Gemeinschaftsbereiche sowie Gastronomie- und Sportangebote im Erdgeschoss sollen das Objekt stärker in das urbane Umfeld einbinden.
Bauen im Bestand als strategischer Ansatz
Für die Planer ist das Projekt ein klares Signal für die Zukunft des Bauens. „Gerade im urbanen Raum lohnt es sich, Bestandsgebäude […] zu erhalten und möglichst lange zu nutzen“, betont Karlheinz Boiger von Hohensinn Architektur. Die Revitalisierung bestehender Strukturen sei „oft der nachhaltigste Beitrag“, den Planer leisten können.
Auch aus Sicht der Kreislaufwirtschaft gewinnt dieser Ansatz an Bedeutung. Brigitte Karigl vom Umweltbundesamt sieht die Bauwirtschaft im Wandel: „Ressourceneffizienz, Wiederverwendung von Bauteilen und der Einsatz von Sekundärrohstoffen“ würden zunehmend zur Schlüsselrolle im Bauwesen.
Potenzial für die Bauwirtschaft
Das Projekt „enna“ zeigt, dass bestehende Gebäude auch nach Jahrzehnten weiter genutzt werden können – vorausgesetzt, Planung und Materialwahl ermöglichen flexible Anpassungen. Trotz höherem Planungsaufwand bei Genehmigungen und Haftungsfragen könnte das Bauen im Bestand künftig eine zentrale Rolle im klimafreundlichen Bau spielen.
Für das revitalisierte Bürogebäude wird eine ÖGNI-Gold-Zertifizierung angestrebt – ein weiterer Hinweis darauf, dass nachhaltige Sanierung nicht nur ökologisch, sondern auch qualitativ überzeugen kann.
