Das Wohnquartier „Hirschfeld“ in Floridsdorf umfasst acht Gebäude mit insgesamt mehr als 300 Wohnungen. | © Hoval
Mit dem Wohnquartier „Hirschfeld“ in Wien-Floridsdorf realisierte die ARE Austrian Real Estate gemeinsam mit dem Technischen Büro Zentraplan ein groß angelegtes Wohnbauprojekt mit konsequent erneuerbarer Energieversorgung. Auf zwei Bauplätzen entstanden acht Gebäude mit mehr als 300 Wohnungen.
Von Beginn an war klar: Das Quartier soll ohne fossile Energieträger betrieben werden und gleichzeitig hohe Anforderungen an Effizienz, Versorgungssicherheit und Wohnkomfort erfüllen. Gemeinsam mit Hoval wurde dafür eine hybride Energielösung entwickelt, die Geothermie, Grundwassernutzung und intelligente Regelungstechnik verbindet. Die Wohnhausanlage setzt auf eine Kombination aus Tiefensonden und Brunnenanlage. Insgesamt wurden 60 Erdwärmesonden bis in rund 150 Meter Tiefe eingebracht. Ergänzt wird das System durch die Nutzung von Grundwasser als zusätzliche Energiequelle. Zwei Heizungswärmepumpen übernehmen die Wärme- als auch die Kälteversorgung der Gebäude. Die Temperierung der Wohnungen erfolgt über Fußbodenheizungen.
Für die zentrale Warmwasserbereitung kommt eine separate Hochtemperatur-Wärmepumpe in Verbindung mit Frischwassermodultechnik zum Einsatz. In den Sommermonaten wird zusätzlich die beim Kühlbetrieb anfallende Abwärme zur Warmwasserbereitung genutzt. Dadurch kann die Effizienz des Gesamtsystems weiter gesteigert werden. „Niemand kann heute sagen, wie sich der Grundwasserspiegel in 15 oder
20 Jahren entwickelt. Genau deshalb war uns die Kombination aus Erdwärme und Grundwasser wichtig, um eine zukunftssichere Lösung zu realisieren“, erklärt Mario Kühnert, Haustechnikspezialist beim Bauherrn und Projektentwickler ARE.
Hybridkonzept für Betriebssicherheit
Die besondere Herausforderung bei der Planung bestand in der optimalen Erschließung der Wärmequellen. Durch die hybride Auslegung konnte das Sondenfeld kleiner dimensioniert und gleichzeitig eine hohe Versorgungssicherheit erreicht werden. „Die Nutzung von Grundwasser ermöglicht es, das Sondenfeld kleiner auszulegen und dadurch Investitionskosten zu reduzieren. Gleichzeitig waren die behördlichen Vorgaben hinsichtlich Entnahmemengen und Temperaturen zu berücksichtigen“, erläutert Rene Zobl, Projektmanager bei Hoval. Das Regelsystem überwacht sämtliche Betriebsparameter kontinuierlich und steuert die Umschaltung zwischen Tiefensonden und Grundwassernutzung automatisch temperatur- und bedarfsabhängig. Zusätzlich kommt in den Sommermonaten passive Kühlung zum Einsatz. Das sogenannte Natural Cooling regeneriert das Erdreich gezielt und verbessert die langfristige Effizienz der Anlage.
Auch Redundanz und Ausfallsicherheit spielten in der Planung eine zentrale Rolle. Sollte die Brunnenanlage eingeschränkt verfügbar sein, kann das Sondenfeld den Betrieb weiterhin wirtschaftlich absichern.„Für die Bewohner:innen wurde bewusst in Komfort und Sicherheit investiert“, betont Roland Hirschböck, Gruppenleiter beim Anlagenerrichter Lohr Gebäudetechnik.
Gesamtlösung aus einer Hand
Hoval war bei dem Projekt nicht nur als Komponentenlieferant, sondern als Systempartner eingebunden. Das Unternehmen übernahm die gesamte Versorgungstechnik inklusive Speicherung, Verteilung, Regelung und digitaler Betriebsführung.
Im Rahmen von Hoval Sirius wurde das Projekt von der Auftragsannahme bis zur Inbetriebnahme begleitet. Gerade bei Projekten dieser Größenordnung sei eine enge Abstimmung aller Beteiligten entscheidend gewesen. „Der große Vorteil war, dass alles aus einer Hand kommt – inklusive MSR-Technik sowie Fernzugriff. Durch den zentralen Ansprechpartner konnten wir konstruktiv und lösungsorientiert im Team zusammenarbeiten“, so Hirschböck.
Digitale Betriebsführung
Ein zentrales Element des Energiekonzepts ist die digitale Überwachung und Optimierung der Anlage. Der von Hoval gefertigte Schaltschrank übernimmt sämtliche Mess-, Regel- und Steuerungsaufgaben und vernetzt alle Komponenten der Energiezentrale.
Über das cloudbasierte Leitsystem HovalSupervisor cloud lassen sich Verbrauchsdaten, Stromverbräuche, Laufzeiten und weitere Betriebsparameter laufend überwachen und analysieren. Auch die Einbindung der Photovoltaikanlage erfolgt zentral über das System. „Die Anlage ist im Prinzip gläsern und vollständig unter Kontrolle“, beschreibt Mario Kühnert die Vorteile der digitalen Betriebsführung. Die cloudbasierte Plattform basiert auf einem offenen Industriestandard und ermöglicht sicheren Fernzugriff sowie umfangreiche Alarmierungs- und Reportingfunktionen. Darüber hinaus können auch externe Datenquellen und zusätzliche Wärmeerzeuger integriert werden.
Energielösung als Grundlage
Das Projekt zeigt exemplarisch, wie moderne Wohnquartiere bereits in der Planungsphase konsequent mit Blick auf die Energieversorgung konzipiert werden. Die Integration erneuerbarer Energiequellen, intelligenter Regelungstechnik und digitaler Betriebsführung ermöglicht nicht nur einen fossilfreien Betrieb, sondern schafft auch langfristige Versorgungssicherheit.
„Früher hat man zuerst das Gebäude geplant und danach eine Heizung eingebaut. Heute ist es genau umgekehrt: Man muss zuerst die Energielösung klären und baut dann das Gebäude darum herum“, bringt Kühnert den Paradigmenwechsel im urbanen Wohnbau auf den Punkt.

