Campo Breitenlee in Wien. Das Quartier wird zu 100 Prozent mit erneuerbarer Energie betrieben. | © Hertha Hurnaus
Die Rekordtemperaturen dieses Sommers verschärfen die Debatte darüber, wie sich Gebäude künftig ohne energieintensive Klimatisierung vor Überhitzung schützen lassen. Beton Dialog Österreich (BDÖ) fordert, die thermische Bauteilaktivierung deshalb stärker im Neubau zu verankern – von Wohngebäuden über Schulen und Kindergärten bis zu Pflegeeinrichtungen.
Bei der Technologie werden Rohrleitungen in Betondecken oder -böden integriert. Durch sie fließt temperiertes Wasser, während die Speichermasse des Betons Wärme beziehungsweise Kälte aufnimmt und zeitversetzt an die Räume abgibt. In Verbindung mit erneuerbaren Energiequellen kann dasselbe System damit sowohl zum Heizen als auch zum Kühlen eingesetzt werden.
Hitzerekorde erhöhen Kühlbedarf
Anlass für die Forderung sind auch die außergewöhnlichen Temperaturen dieses Sommers. Laut GeoSphere Austria wurden am 5. August in Bad Deutsch-Altenburg 41,2 Grad gemessen. Damit wurde ein neuer österreichischer Temperaturrekord erreicht.
Mit häufigeren Hitzewellen steigt zugleich der Kühlbedarf in Gebäuden. Klassische Klimaanlagen erhöhen allerdings den Stromverbrauch und geben Wärme an die Umgebung ab. Die Betonbranche sieht daher in der Nutzung der Gebäudemasse einen Ansatz, um sommerliche Raumtemperaturen mit geringerem technischen Aufwand zu regulieren.
„Nur der Baustoff Beton eignet sich mit seiner Speichermasse, Gebäude ganzjährig angenehm zu temperieren. Angesichts immer häufigerer Hitzewellen soll die thermische Bauteilaktivierung zum Standard nicht nur bei allen neuerrichteten Wohnbauten, sondern auch bei Schulen und Kindergärten sowie Senioren- und Pflegeheimen in Österreich werden“, sagt Anton Glasmaier, Vorstandsvorsitzender von Beton Dialog Österreich und Geschäftsführer des Verbands Österreichischer Betonfertigteilwerke.
Heizen und Kühlen mit demselben System
Bei der Bauteilaktivierung wird die große Fläche von Decken oder Böden für die Wärmeübertragung genutzt. Im Sommer kann kühles Wasser überschüssige Wärme aus den Räumen aufnehmen, im Winter lässt sich das Prinzip umkehren. Aufgrund der großen Übertragungsflächen kann das System mit vergleichsweise niedrigen beziehungsweise hohen Systemtemperaturen arbeiten.
Besonders relevant wird die Technologie in Kombination mit erneuerbaren Energiequellen und Wärmepumpen. BDÖ fordert daher, sie bereits in frühen Planungsphasen zu berücksichtigen, da eine spätere Integration wesentlich aufwendiger ist.
Salzburg berücksichtigt die thermische Bauteilaktivierung laut Branchenverband bereits gezielt in den Förderkriterien für den mehrgeschossigen Wohnbau. Auch in anderen Bundesländern können hohe ökologische Standards beim Heizen und Kühlen im Rahmen der Wohnbauförderung berücksichtigt werden.
Wohnquartiere zeigen Einsatzmöglichkeiten
Dass Bauteilaktivierung auch in größeren Projekten eingesetzt werden kann, zeigen mehrere bereits realisierte Gebäude. Im Plusenergiequartier Campo Breitenlee in Wien-Donaustadt wird die Speichermasse des Betons mit einer wetterprognosebasierten Steuerung kombiniert. Das Quartier wird nach Angaben von BDÖ vollständig mit erneuerbarer Energie versorgt.
Bei den Wientalterrassen in Wien-Penzing werden 295 Wohneinheiten über aktivierte Betondecken beheizt und im Sommer gekühlt. Erdsonden, Gehwegkollektoren und Abwasserwärmerückgewinnung bilden gemeinsam mit Photovoltaik die Energieversorgung.
Auch öffentliche und halböffentliche Gebäude setzen auf das Konzept. Im Haus für Senioren in Henndorf wird Bauteilaktivierung mit Geothermie und Photovoltaik kombiniert. Das Studentenwohnheim Neu Marx in Wien nutzt Grundwasser, Wärmepumpen und Photovoltaik.
Bauteilaktivierung auch für Schulen und Pflegebauten
Ein weiteres Beispiel ist der Bildungscampus Liselotte Hansen-Schmidt in der Seestadt Aspern. Dort werden die Zwischendecken thermisch aktiviert und mit mehr als 70 Erdwärmesonden kombiniert. Das System dient ganzjährig sowohl der Wärme- als auch der Kälteversorgung.
Gerade für Gebäude mit langen täglichen Nutzungszeiten und besonders hitzeempfindlichen Personengruppen könnte der sommerliche Wärmeschutz künftig stärker zum Planungskriterium werden. Die Forderung der Betonbranche geht deshalb über den Wohnbau hinaus: Bauteilaktivierung soll bereits beim Neubau von Bildungs-, Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen als mögliche Heiz- und Kühllösung geprüft werden.
