Vera Immitzer leitet den Bundesverband Photovoltaic & Battery Austria. | © Pechal
Photovoltaik und Solarthermie werden häufig als konkurrierende Technologien gesehen. Tatsächlich verfolgen beide das Ziel, fossile Energieträger zu ersetzen. Vera Immitzer vom Bundesverband Photovoltaic & Battery Austria und Roger Hackstock vom Verband Austria Solar erklären im Gespräch, was sie sich von der Politik wünschen und welche Schritte sie Installateuren empfehlen.
Wo liegen die größten Synergien von Strom und Wärme der Sonne?
Roger Hackstock: Für die Energiewende werden wir beides brauchen. Da die Wärme den halben Energiebedarf unseres Landes ausmacht, die andere Hälfte teilen sich Strom und Verkehr, ist der Ausstieg aus Öl und Gas da besonders wichtig. Die größte Energiequelle, die wir haben, ist die Sonne, die wird noch viel zu wenig genutzt. Man könnte die Solarthermie als schlafenden Riesen bezeichnen, den wir in den nächsten Jahren wecken müssen, um die Wärmewende zu schaffen.
Vera Immitzer: Die Photovoltaik hat mit samt dem Batteriespeicher als Allrounder ihren Platz im Einfamilienhaus gefunden. Vor allem aber bei großen Warmwasserverbrauchern wie Sportstätten oder in der Fernwärme etabliert sich die Solarthermie, wobei aber auch hier mit Großwärmepumpen überschüssiger Strom in Warmwasser umgesetzt wird.
Wie können die Vorteile von Strom und Wärme aus der Sonne noch effizienter ausgespielt werden?
IMMITZER: Der Speicher, sowohl elektrisch als auch thermisch, ist für uns beide essenziell. Genauso die intelligente Steuerung dahinter, um zielgerichtet zu be- und entladen und das Beste für die Geldbörse und, in unserem Fall, auch für das Stromnetz rauszuholen. Für den Installateur bedeutet das, sich vom reinen Komponentenmonteur zum ganzheitlichen Systemintegrator für Strom, Wärme und Mobilität weiterzuentwickeln.
HACKSTOCK: Wir müssen das Dach maximal ausnutzen, um Sonnenenergie ins Haus zu holen. Entweder mit PV-Modulen und thermischen Kollektoren auf dem Dach oder mit PVT-Hybridkollektoren, die Strom und Wärme in einem Kollektor vereinen. Vor zwei Jahren hat sich der Bestand an PVT in Österreich innerhalb eines Jahres verdoppelt. Die neu eröffnete Sport Arena Wien hat Europas größte PVT-Anlage am Dach, aber auch Hotels, Wohnhäuser und Schwimmbäder haben solche Anlagen. Die Sonne braucht einen halben Tag, um den gesamten Raumwärmebedarf für ein Jahr in Österreich einzustrahlen!
Die Förderlandschaft hat sich mehrfach verändert. Wie beurteilen Sie die aktuellen Rahmenbedingungen für PV und Solarthermie?
HACKSTOCK: Das ständige Stop-and-Go bringt die Kunden und Handwerker an den Rand des Wahnsinns. In einem Jahr rennen die Kunden den Solarfirmen und Installateuren die Tür ein, im nächsten Jahr sorgt ein Förderstopp für die totale Flaute. Für Unternehmen ist seit dem Vorjahr die attraktive Förderung des Klimafonds zum Umstieg von Öl und Gas auf Solarthermie und Co weggefallen. So sichern wir den Standort nicht mit günstigen Energiepreisen ab.
IMMITZER: Bei den Gesamtkosten von PV und Batterie sind wir mittlerweile dort, wo die PV allein vor fünf Jahren war. Durch den starken Rückgang der Batteriekosten schaffen wir im Haushalt Stromkosten, die unter den Kosten der Energieversorger liegen. Das ist genial. Die aktuelle Förderung ist zwar ein wichtiger Auslöser, aber angesichts der beschränkten Fördermittel eher hinderlich. Was wir jetzt dringend brauchen, sind langfristig stabile, verlässliche Förderstrukturen und keine bürokratische Stop-and-Go-Effekte.
Was sagen Sie zum Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetz?
IMMITZER: Es ist gelungen, dass PV-Dachanlagen ohne Genehmigung errichtet werden können. Auch dass es österreichweit einheitliche Grenzwerte gibt, etwa für Agri-PV Anlagen oder PV-Carports, ab denen eine Anzeige oder Genehmigung notwendig ist.
HACKSTOCK: Das EABG regelt nun, welche Genehmigung oder Freistellung bei welcher Anlagengröße gilt, bündelt Zuständigkeiten von Behörden und erlaubt Gemeinden ein Vorschlagsrecht für Beschleunigungsgebiete bei Freiflächenanlagen.
Welche politischen Entscheidungen wären notwendig, um Planungssicherheit zu schaffen?
IMMITZER: In der Branche der Photovoltaik und Stromspeicherung sind nun viele Gesetze, Verordnungen und Normen erarbeitet worden, und wir warten auch noch auf einige. Entsprechend groß ist der Umbruch gerade. Der nächste große Schritt ist die Überarbeitung des Fördersystems, damit Betriebe langfristig Personal aufbauen und Kunden wieder mit Vertrauen investieren.
HACKSTOCK: Das Wichtigste wäre ein klares Signal der Regierung, angeführt vom Bundeskanzler. Wir brauchen endlich ein Gesetz, das den Ausstieg aus Heizungen mit Öl und Gas bis 2040 verbindlich festschreibt. Ergänzt um Anpassungen im Wohnrecht, damit erneuerbares Heizen auch im mehrgeschoßigen Wohnbau leichter wird. Denn die neue Bauordnung betrifft vor allem den Neubau.
Wie bewerten Sie das neue Elektrizitätswirtschaftsgesetz aus Sicht der PV?
IMMITZER: Das neue ElWG ist ein Meilenstein, da es mehr Flexibilität in das österreichische Stromsystem bringt, und damit möglich ist, den Verbrauch zunehmend an die Dynamik der Erzeuger anzupassen. Es ist essenziell, dass neben dem Ausbau der Photovoltaik auch Stromspeicher ausgebaut werden, um etwaige Differenzen auszugleichen und auch den Strompreis in den Abendstunden zu senken.
Wie kann die Solarwärme ihre Rolle innerhalb der Wärmewende behaupten?
HACKSTOCK: Das Potenzial ist mit 18 Prozent fast zehnmal so hoch wie Solarwärme heute zum Wärmebedarf beiträgt. Fast 80 Prozent dieses Potenzials liegt in fünf Bundesländern, in Oberösterreich, Niederösterreich, Steiermark, Tirol und Kärnten. Dort könnte die Sonne künftig zur Senkung der laufenden Energiekosten beitragen.
Nach dem Boom hat sich der Markt verändert. Wie beurteilen ihre Mitglieder die Auftragslage?
HACKSTOCK: Bei Solarthermie sind die Boomjahre leider schon einige Jahre her, wir leben im Schatten der Photovoltaik, die die ganze Aufmerksamkeit an sich zieht. Wir produzieren zehnmal so viele Sonnenkollektoren, wie wir in Österreich installieren, fast alles geht ins Ausland und hilft den Kunden in Deutschland, Italien und der Schweiz, vom Öl und Gas wegzukommen.
IMMETZER: Auch bei der Photovoltaik hat sich nach dem extremen Nachfrage-Peak der Energiekrise der Markt abgekühlt und auf einem normalisierten, aber anspruchsvollen Niveau eingependelt. Die Unternehmen spüren die Konsumzurückhaltung. Umso wichtiger ist es jetzt für Betriebe, sich mit den neu geschaffenen Geschäftsmöglichkeiten auseinander zu setzen und durch hohe Qualität und die Beratung bei komplexen Gesamtlösungen abzuheben.
Welche Chancen bieten PV und Solarthermie im Bereich Wärme und Kühlen?
IMMITZER: Der PV-Strom kann im Sommer direkt für die Gebäudekühlung via Wärmepumpe genutzt wird. Mit eigener PV-Anlage am Dach kann man ohne Angst vor einer hohen Stromrechnung die Raumtemperatur senken. Der kürzlich eingeführte Netztarif mit dem klingenden Namen Sommer-Nieder-Arbeitspreis schafft obendrein einen günstigeren Strombezug während den Sommermonaten rund um die Mittagszeit. Damit soll vor allem dann der Strom genutzt werden, wenn die Sonne scheint und Strom produziert wird.
HACKSTOCK: Bei Solarthermie sind sicher PVT-Anlagen ein neues Betätigungsfeld für Installateure, die sich gut mit Wärmepumpen
verbinden lassen. Bei Erdsonden kann in der Kombination ein Viertel der Sonden eingespart werden. Im Gewerbe gibt es neue Eisspeicher, die mit Solarthermie kombiniert zur Kühlung beitragen, mit einfachen, günstigen Kunststoffkollektoren.
Was raten Sie Installateuren, um Kunden ganzheitliche Energielösungen anbieten zu können?
HACKSTOCK: Denken Sie an die Sonne! Solarthermie funktioniert super im Zusammenspiel mit Wärmepumpen und Erdsonden, da ist sie ein echter Booster bei der Energieeffizienz. Wer eine Holzheizung mit größerem Wärmespeicher hat, kann die Heizung von Ostern bis in den Oktober komplett abschalten und das Holz bleibt für die Wintermonate. Mit PVT-Kollektoren wiederum erzeugt man Strom und Wärme selbst und nützt das Dach doppelt.
IMMITZER: Installateure sollten sich vom reinen Gewerkedenken lösen und Partnerschaften schließen. Nur wer Strom, Wärme und E-Mobilität als intelligentes Gesamtsystem aus einer Hand planen und in Betrieb nehmen kann, wird langfristig am Markt erfolgreich sein. Der Schlüssel zum Kunden liegt heute nicht mehr im Verkauf einzelner Module, sondern im Versprechen maximaler energetischer Unabhängigkeit.

