vlnr.: Gabriel Felbermayr, Direktor des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO), Hans Dieter Pötsch, DHK Präsident, Peter Adrian, Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) | © DHK/G. Peroutka
Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Österreich und Deutschland zeigen erste Erholungstendenzen. Dennoch mahnt die Deutsche Handelskammer in Österreich (DHK) zu deutlich mehr Tempo bei Reformen. Auf der Jahrespressekonferenz in Wien forderte DHK-Präsident Hans Dieter Pötsch raschere Entscheidungen in zentralen wirtschaftspolitischen Bereichen.
„Wir brauchen deutlich mehr Tempo – bei Genehmigungen, bei Investitionen und im Bildungssystem“, so Pötsch. Angesichts einer nur vorsichtigen konjunkturellen Erholung sei entschlossenes Handeln notwendig, um den Aufwärtstrend abzusichern.
Bilateraler Handel legt wieder zu
Nach Rückgängen in den Jahren 2023 und 2024 ist das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern 2025 wieder gestiegen. Laut Daten von Destatis wuchs es um 4,1 Prozent auf 134,1 Milliarden Euro. Die deutschen Exporte nach Österreich erreichten knapp 80 Milliarden Euro, die Importe aus Österreich 54,1 Milliarden Euro.
Für die DHK ist diese Entwicklung ein positives Signal – jedoch kein Selbstläufer. „Diese Entwicklung ist ermutigend, aber keineswegs selbstverständlich“, betont Pötsch. Geopolitische Konflikte dürften kein Grund für Reformstau sein, sondern müssten vielmehr als Handlungsanreiz verstanden werden.
Bürokratie und Kosten als zentrale Bremsfaktoren
Auch auf europäischer Ebene sieht die Wirtschaft dringenden Handlungsbedarf. Peter Adrian, Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), fordert einen klaren wirtschaftspolitischen Kurs.
„Ziel muss es sein, wettbewerbsfähige Energiekosten zu sichern, Brutto-Arbeitskosten beherrschbar zu machen, die Wachstumsbremse Bürokratie endlich zu lösen und Lieferketten widerstandsfähig aufzustellen“, so Adrian. Ein entscheidender Hebel sei die Vollendung des EU-Binnenmarktes, um bestehende Barrieren abzubauen und nationale Regelungen zu harmonisieren.
Schwaches Wachstum verstärkt Reformdruck
WIFO-Direktor Gabriel Felbermayr rechnet angesichts geopolitischer Unsicherheiten mit nur schwachem Wachstum in Österreich und Deutschland. Die aktuelle Lage mache strukturelle Defizite umso sichtbarer.
„Der europäische Binnenmarkt bietet weiterhin ungenutzte Chancen“, erklärt Felbermayr und fordert umfassende Reformen. Besonders der Umbau des Energiesystems spiele dabei eine Schlüsselrolle – nicht nur für den Klimaschutz, sondern auch für die wirtschaftliche Unabhängigkeit.
Energiepolitik als strategischer Faktor
Für die wirtschaftliche Zukunft Europas gewinnt Energiepolitik zunehmend an Bedeutung. Felbermayr sieht darin einen zentralen Hebel zur Stärkung der Souveränität: „Um hier voranzukommen, sollten wir wieder stärker auf Marktprozesse und Eigenverantwortung setzen.“
Die DHK fordert daher nicht nur kurzfristige Maßnahmen, sondern strukturelle Reformen in mehreren Bereichen – von Bürokratieabbau über Fachkräftesicherung bis hin zu Investitionen in Innovation und Bildung. Nur so könne die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Österreich und Deutschland langfristig stabilisiert und gestärkt werden.
