Das Team von EWO will flüssige Energie erneuerbar machen. Der Verein rund um Martin Reichard (Mitte, im weißen Hemd) vernetzt Wissenschaft, Industrie, Handel und politische Entscheidungsträger. | © EWO
Der Verein EWO forciert die Transformation von herkömmlichen Brennstoffen hin zu erneuerbaren, flüssigen Alternativen. Im Fokus steht die Raumwärme. Seit 2025 setzt sich EWO auch für erneuerbare Lösungen für Industrie, Gewerbe, Transport, Logistik und Off-Road-Verkehr ein. Geschäftsführer Martin Reichard erklärt im Interview seine Vision für erneuerbare, flüssige Energie und wie sie umgesetzt werden könnte.
EWO engagiert sich für erneuerbare Flüssig-Brennstoffe. Wie lautet Ihre Vision für die nächsten zehn Jahre?
MARTIN REICHARD: Die Energiewende ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. EWO arbeitet mit seinen Mitgliedern und externen Stakeholdern daran, den Einsatz von klimafreundlichen erneuerbaren Flüssig-Brennstoffen zu fördern. Dies ist notwendig, um den CO₂-Ausstoß massiv zu reduzieren und die Versorgungssicherheit mit flüssiger Energie zu garantieren.
Zu diesem Zweck sollen Potenziale bei flüssigen, nicht leitungsgebundenen Energieträgern durch stetige Verbesserungen der bestehenden Technik und Infrastruktur und Innovationen nutzbar gemacht werden. Denn für eine erfolgreiche Energiewende müssen flüssige Energieträger auch künftig einen maßgeblichen Beitrag zum heimischen Energieträger-Mix leisten: leistbar, langfristig strategisch abgesichert, im Gegensatz zu heute aber schrittweise zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen gewonnen.
Sie wollen auch HVO (Anm.: Hydrotreated Vegetable Oil – also hydriertes Pflanzenöl) im österreichischen Energiemix etablieren. Im Transportsektor wird HVO-Diesel bereits eingesetzt. Inwiefern eignet sich HVO für die Raumwärme?
REICHARD: HVO eignet sich hervorragend für einen Einsatz in der Raumwärme. Bereits in den Jahren 2018 bis 2022 führte EWO Feldstudien in Österreich mit 100 Prozent HVO in bestehenden Heizungsanlagen mit herausragend positiven Ergebnissen wie bis zu 90 Prozent CO₂-Einsparung. Gerade angesichts der massiven Klimaveränderungen wäre es wichtig, dass die Politik den Einsatz von erneuerbaren flüssigen Energieträgern unterstützt und nicht wie derzeit im Verkehrsbereich durch bürokratische Hürden extrem erschwert. Schon die Forcierung einer Beimischung von HVO würde zu einer sofortigen Einsparung von CO₂ führen.
Sie haben in einem Pilotprojekt 2018 den Betrieb von HVO in Ölheizungen getestet. Welche der Ergebnisse gelten heute noch?
REICHARD:Alle Ergebnisse sind aufrecht. HVO eignet sich technisch ausgezeichnet für den Einsatz in Heizungsanlagen und hat höchste positive Emissionseffekte.
Welche Rolle sollen erneuerbare Flüssig-Brennstoffe wie HVO künftig im Gebäudesektor spielen? Sind sie eine realistische Option für Ein- und Mehrfamilienhäuser oder werden sie vor allem in der Industrie zum Einsatz kommen?
REICHARD:Alle Formen erneuerbarer Flüssig-Brennstoffe können, müssen und werden eine wichtige Rolle auch in der Raumwärme und im Gewerbe spielen. Sobald der Preis aufgrund von Skaleneffekten und gesetzlicher Vorgaben sich dem fossilen Heizöl angenähert haben wird, wird deren Einsatz sowohl in Ein- und Mehrfamilienhäusern als auch in allen anderen Einsatzgebieten immer realistischer werden, also in Industrie, Gewerbe, Notstromversorgung und Hotellerie, aber auch bei Pistenraupen, Sesselliften und Binnenschifffahrt.
Welche Weichen müssen bei der Infrastruktur und den Brennstoffen gestellt werden, damit die Energiewende im Heizsektor gelingt?
REICHARD: Der große Vorteil des Einsatzes von flüssigen erneuerbaren Energieträgern ist es, dass kaum Weichen bei der Infrastruktur gestellt werden müssen. Bei einem Energieträgerwechsel müsste die Heizungsanlage ersetzt und gegebenenfalls auch das ganze Wärmeabgabesystem umgestellt werden – was enorme Kosten mit sich bringt. Im Gegensatz dazu können flüssige erneuerbare Energieträger in der bestehenden Heizungsanlage mit nur sehr geringen Adaptierungen eingesetzt werden.
Welche technischen Anpassungen sind notwendig, damit bestehende Öl-Brennwertanlagen künftig mit erneuerbaren Flüssig-Brennstoffen wie HVO betrieben werden können? Gibt es Einschränkungen bei älteren Anlagen?
REICHARD:Technisch könnte es bei der Verwendung von hundertprozentigem HVO notwendig sein, den Flammendetektor zu justieren. Das spricht sogar für den bevorzugten Einsatz in älteren, weniger sensiblen Anlagen. Wird HVO einem Tank mit fossilem Heizöl beigemischt, sind möglicherweise vorerst keinerlei Einschränkungen zu erwarten und erst bei sich ändernden Mischungsverhältnissen möglich. Daher gilt es abzuwägen, wann die Umstellung erfolgt.
In Österreich sind noch rund 500.000 Ölheizungen in Betrieb. Was ist volkswirtschaftlich sinnvoller: Diese zu ersetzen oder schrittweise mit erneuerbaren Flüssig-Brennstoffen zu betreiben?
REICHARD: Die Umstellung von 500.000 Ölheizungen kostet mindestens 12 bis 15 Milliarden Euro. Die letzte Bundesregierung hat die Umstellung auf andere Energieträger mit großzügigen Förderungen unterstützt, was die Steuerzahler 2,3 Milliarden Euro gekostet und zu einem strengen Sparprogramm der derzeitigen Bundesregierung geführt hat. Die Umstellung auf erneuerbare Flüssig-Brennstoffe ist praktisch ohne Kosten für den Konsumenten und dem Steuerzahler verbunden.
Installateure fragen sich, ob sie ihren Kunden heute noch eine Ölheizung empfehlen können. Welche konkrete Botschaft möchten Sie dem Fachhandwerk mitgeben?
REICHARD:Beim Bau eines jeden Hauses wurde aus gutem Grund ein Heizungssystem mitgeplant, denn nur dann sind alle Bestandteile aufeinander abgestimmt. Wenn in diese Struktur eingegriffen wird, muss das Haus und das Nutzungsverhalten neu gedacht werden. Bei bestehenden Häusern sollte daher nur in Ausnahmefällen ein Energieträgerwechsel in Betracht gezogen werden. Im Neubau sind viele Varianten möglich, aber auch da gilt es, das ganze System zu berücksichtigen. Die Botschaft an das Fachhandwerk ist einfach, sich pragmatisch und nicht ideologisch dem Erneuerungswunsch der Kunden zu nähern, dann werden in den allermeisten Fällen keine Experimente auf Kosten der Verbraucher durchgeführt – und ein zufriedener Kunde bleibt ein langer Kunde.
Sie nennen Hybridheizungen als wichtige Brückentechnologie. Welche Kombinationen halten Sie in der Praxis derzeit für besonders sinnvoll?
REICHARD:Energetisch machen alle Kombinationen Sinn. In der Übergangszeit, beziehungsweise dann, wenn hohe solare Erträge zu erwarten sind, können diese Systeme für die Wärmebereitstellung sorgen. In Zeiten höheren Bedarfs zeigt sich die Ölheizung als eine der zuverlässigsten Heizungsarten. Wirtschaftlich gilt es, den Einsatz von Fall zu Fall abzuwägen.
Wann rechnen Sie damit, dass HVO oder andere erneuerbare Flüssig-Brennstoffe in Österreich in ausreichenden Mengen und zu wettbewerbsfähigen Preisen verfügbar sein werden?
REICHARD: HVO ist bereits jetzt am Markt verfügbar. Eine flächendeckende Ausrollung erneuerbarer Flüssig-Brennstoffe wird vor allem von deren politischen Anerkennung abhängig sein.
Wenn die verfügbaren Mengen an erneuerbaren Flüssig-Brennstoffen begrenzt bleiben: Wer sollte Ihrer Meinung nach Priorität haben – Industrie, Gewerbe oder private Haushalte?
REICHARD: Das wird der Markt regeln. Es wurde auch nie die Frage gestellt, in welchen Bereichen andere Energieträger eingesetzt werden sollen.
Welche politischen Entscheidungen braucht die HLK-Branche jetzt, um ihre Kunden und Kundinnen langfristig und verlässlich beraten zu können?
REICHARD: Leider unterliegt die gesamte Energiebranche einem Sammelsurium an Falschmeldungen, Gerüchten und Fehlinterpretationen. Wichtig für die HLK-Branche ist die Info, dass auch in Zukunft jeder, der eine Ölheizung besitzt, diese weiter betreiben wird können.
Welche Empfehlung geben Sie Installateuren heute, die ihre Kunden bei der Heizungsentscheidung für die nächsten zwanzig Jahre beraten?
REICHARD: Machen Sie keine Experimente! Beachten Sie das Nutzungsverhalten des Kunden, die Umgebung des Hauses, die Verfügbarkeit der Energie. Berücksichtigen Sie die Erfahrungen der Kunden. Vertrauen Sie darauf, dass es flüssige Energieträger auch noch in zwanzig Jahren geben wird (dann in erneuerbarer Form).
Erfahrene Installateure sind jedoch Experten und benötigen daher eigentlich keine Empfehlungen.
Vielen Dank für das Gespräch!
