(c) Viega
Die Dekarbonisierung ist das Thema unserer Zeit – welche Rolle nimmt Viega dabei ein? Wo liegen die Chancen, wo die Hürden?
Christian Rüsche: Für uns ist die Dekarbonisierung ein besonders wichtiges Thema. Als Unternehmensgruppe möchten wir hier Wegbereiter und Vorbild sein, das Thema Nachhaltigkeit aktiv mitgestalten und Verantwortung übernehmen.
Konkret heißt das, dass wir uns dazu verpflichtet haben, bis 2035 Klimaneutralität in den eigenen Betriebsabläufen (Scope 1 und 2) zu erreichen. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Sicherung unserer Standorte selbst; Energieautarkie ist hier ein wichtiger Schritt dazu. Bislang wurden weltweit schon 55.000 Quadratmeter Photovoltaik-Paneele installiert, hier in Attersee gibt es eine Anlage mit 70 kWpeak. Wir prüfen derzeit die Möglichkeiten zum Betrieb eigener Windkraftanlagen. Hier ist die Bürokratie eine der größten Hürden. Es bedarf eines hohen Maßes an Vorinvestitionen und langfristiger Strategien, wenn man das Thema ernst nimmt.
Nachhaltiges Bauen, Kreislaufwirtschaft, Cradle-to-Cradle sind mehr als nur ein Trend, vielmehr eine Notwendigkeit. Wie steht man bei Viega dazu, welchen Beitrag kann das Unternehmen leisten?
Rüsche: Mit unserem Seminarcenter hier in Attersee und der Viega World in Attendorn haben wir ein sehr starkes Zeichen für Nachhaltigkeit, Energieeffizienz und Trinkwasserhygiene in Gebäuden gesetzt. Auch weitere Projekte wie unsere Initiative „Nicht verbrennen. Trennen.“ zahlen aktiv auf das Thema ein. Kunststoffabfälle aus unserer eigenen Produktion werden wieder in wertvolle Rohstoffe und neue Produktchargen umgewandelt. In den letzten fünf Jahren wurden so 190 Tonnen Kunststoff eingespart und die Verwendung von recyceltem Kunststoff um 32 Tonnen erhöht. Kreislaufwirtschaft funktioniert nicht ohne Transparenz, deswegen haben wir eine Reihe von EPDs für unser Produktportfolio erstellt, die den ökologischen Fußabdruck unserer Lösungen über ihren gesamten Lebenszyklus messbar machen.
Viega sieht sich selbst als Experte für gesundes Trinkwasser in Gebäuden – welche zukunftsweisenden Fragen gilt es in diesem Zusammenhang zu beantworten?
Rüsche: Für uns ist die Frage nach der Sicherung von Trinkwasserqualität zentral, gerade in Zeiten des Klimawandels. Wir stellen sie uns immer wieder. Es geht darum, die Qualität des Trinkwassers über den gesamten Lebenszyklus hinweg zu erhalten. Ein Gebäude wird nicht nur gebaut, sondern über Jahrzehnte hinweg genutzt. Hier müssen wir als Viega Material- und Systemlösungen anbieten, die den neuen Anforderungen gerecht werden.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang die Bewusstseinsbildung, zu der wir zusammen mit unseren Installateurpartnern beitragen können und müssen. In unseren Seminaren informieren wir über das geltende Regelwerk und maßgebliche Einflussgrößen wie Temperatur, Dimensionierung, Wasseraustausch und Nährstoffe.

Viega wurde vor mehr als 125 Jahren gegründet, in vielen Bereichen zählt das Unternehmen zu den Weltmarktführern in der Installationstechnik. Wie gelingt es einem Familienunternehmen, sich in dem von internationalen Global Playern besetzten Markt erfolgreich zu positionieren?
Rüsche: Das ist, wie Sie sich sicher vorstellen können, gar nicht so einfach. Wir investieren konsequent in Innovation, Qualität und Forschung. Wir sind nicht nur Rohrhersteller, sondern Systemanbieter in der Gebäudetechnik mit Kernkompetenzen in Trinkwasserhygiene, Energieeffizienz, Komfort und Sicherheit im Gebäude – das hebt uns ab. Über 5.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tragen zum gemeinsamen Erfolg bei. Bei Viega geht es nicht um kurzfristigen Gewinn – wir sind ein Familienunternehmen mit Weitblick und leben diese Unternehmenskultur. Wir denken in Generationen.
Gerade gesunde europäische Familienunternehmen stehen auf der Einkaufsliste von börsennotierten Global Playern, die sich damit Markennamen und Markteintritt kaufen, ganz oben. Wie steht es in diesem Zusammenhang um Viega?
Rüsche: Auch in fünfter Generation bleiben wir das, was uns schon immer ausgemacht hat, ein erfolgreiches Familienunternehmen mit Nähe und Verständnis, gleichzeitig aber auch mit der Kraft und Weitsicht eines Weltmarktführers, innovativ im Denken und immer der Zukunft verpflichtet.
Wo liegen die Stärken von Viega, in welchen Bereichen sehen Sie das größte Wachstumspotenzial?
Rüsche: Unsere Stärke liegt in unseren Systemkomponenten, in unseren ganzheitlichen Lösungen. Wir stehen für Zuverlässigkeit und langfristiges Denken. Großes Potenzial bieten die Themen Trinkwasserhygiene, Sicherheit, Effizienz und Nachhaltigkeit, zu denen unsere Systemlösungen beitragen können. Es gibt große Chancen für unsere Branche. Alles steht und fällt aber mit dem Fachkräftemangel!
… dieses Thema hat Dauerbrisanz. Bevor wir darüber sprechen, gehen wir noch kurz zu den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Österreich: Wie hat sich der Markt im letzten Jahr für Viega entwickelt? Inwieweit war/ist das Unternehmen von den schwierigen Rahmenbedingungen in Österreichs Bauwirtschaft betroffen?
Rüsche: Die österreichische Bauwirtschaft, insbesondere der Wohnbau, stand im letzten Jahr und steht auch weiterhin vor erheblichen Herausforderungen. Wir sehen hier einen spürbaren Rückgang bei den Neubauprojekten und der generellen Investitionsbereitschaft.
Natürlich spüren auch wir bei Viega diese Entwicklung als führender Zulieferer der Branche. Weniger Neubauten bedeuten in der Regel eine geringere Nachfrage nach Installationssystemen.
Dennoch bin ich zuversichtlich, dass wir diese Phase gut meistern werden. Unsere Stärke liegt in der Qualität, der Langlebigkeit unserer Produkte und unseren ganzheitlichen Systemlösungen, die gerade in schwierigen Zeiten von Bauherren, Planern und Installateuren geschätzt werden.

Welche Maßnahmen bedarf es Ihrer Meinung nach, um die heimische Wirtschaft, insbesondere die Bauwirtschaft wieder in Schwung zu bringen?
Rüsche: Schlüsselfaktor ist für uns die enge Partnerschaft mit unseren Kunden. Wir sehen uns nicht als Produktlieferant, sondern als Partner auf Augenhöhe. Wir wachsen gemeinsam, das ist unsere Auffassung. Unsere Kundenbindung basiert auf der ganzheitlichen Unterstützung: Wir bieten exzellenten Support im Innen- und Außendienst, ein umfassendes Schulungsprogramm, in das wir massiv investieren. Wir entwickeln unsere neuen Produkte in engem Austausch mit den Ansprüchen des Installateurs – was braucht er? Was erleichtert ihm die Arbeit? Natürlich stellen wir unseren Partnern auch digitale Tools zur Verfügung, die sie bei der Projektplanung unterstützen. Wir lassen unsere Partner nie im Regen stehen.
Eine enge Partnerschaft mit den Betrieben im Gewerbe zählt, wie Sie sagten, zum Schlüsselfaktor des Erfolgs der Zulieferer aus Industrie und Großhandel. Gibt es von Viega spezielle Kundenbindungsprogramme? Was machen Sie im Vergleich zu Ihrem Mitbewerb „anders“? Gibt es spezielle Serviceleistungen?
Rüsche: Wir bieten keine Kundenbindungsprogramme im herkömmlichen Sinn. Unser größtes und bestes Kundenbindungsinstrument ist unser Seminarcenter am Attersee. Mit unseren Seminarleitern Jörg Wiesbauer und Franz Landershammer stehen unseren Partnern Experten zur Seite, auch in allen Fragen zu aktuellen Regelwerken und Normen!
Auf welche Kanäle setzen Sie, um in enger Kommunikation mit Ihren Partnern zu stehen?
Rüsche: Wir sind stolz auf unseren ausgewogenen, super Marketingmix und setzen auch hier ganz klar auf Partnerschaft und Wissensvermittlung. Der Bogen spannt sich vom persönlichen Kontakt durch unseren Außendienst hin zu zukunftsorientierten Know-how Transfer in unserem Seminarcenter am Attersee. Perfekt ergänzt durch die kompetente Unterstützung unseres Innendiensts, in Technik, Vertrieb und Planung.
Immer wichtiger werden für unsere Kunden auch unsere digitalen Kanäle, in denen wir über interessante Neuheiten, Entwicklungen und Themen der Branche berichten und unsere digitalen Services, die den Arbeitsalltag unserer Kunden erleichtern.
Welche Bedeutung haben in diesem Zusammenhang Fachmessen? Wird sich Viega Österreich 2026 an einer Fachmesse beteiligen?
Rüsche: Fachmessen runden unser Kommunikationsportfolio ab; sie sind für uns eine Plattform für einen weiteren direkten Dialog. Zu Ihrer Frage, ob sich Viega Österreich 2026 an einer Fachmesse beteiligen wird: Wir bewerten jedes Jahr neu. 2026 haben wir uns für die Teilnahme an der Frauenthal Expo in Wien entschieden.
Hohe Energiekosten und Rohstoffpreise, die stark gestiegenen Personalkosten sind die Herausforderungen unserer Zeit. Dazu kommt aber das Dauerproblem der fehlenden Fachkräfte, Sie haben das Thema ja bereits angesprochen. Wo gilt es anzusetzen, um die Branche für gut ausgebildete Fachkräfte attraktiv zu machen?
Rüsche: Wir müssen den Coolness-Faktor mehr herausheben und zeigen, dass der Beruf des Installateurs anspruchsvoll und gesellschaftsrelevant ist. Weg vom Klischee des schmutzigen Handwerks hin zu Technologie, Digitalisierung und Nachhaltigkeit.
Und wir müssen die Zukunftsorientierung betonen: Die Berufe sind systemrelevant und sind zukunftssicher, ein aktiver Beitrag zu Trinkwasserhygiene und Energieeffizienz.
Der Branche fehlt insbesondere der Nachwuchs. Was braucht es Ihrer Meinung nach, um mehr junge Menschen in einen Beruf in der Haus- und Installationstechnik zu bringen?
Rüsche: Wenn es da die eine Lösung gäbe, dann wäre sie schon gefunden und alle würden danach handeln. Es muss vieles neu gedacht werden – siehe den Coolness-Faktor, den ich ja schon erwähnt habe. Man muss bei den Eltern und den Jugendlichen ansetzen und informieren, Bewusstsein schaffen, Klischees ausräumen. Handwerk wird benötigt und ist systemrelevant! Wir sind alle froh, wenn wir im Falle des Falles einen Handwerker finden, der auch kommt. Die Gesellschaft muss umdenken, sich von alten Bildern verabschieden. Es ist cool im Handwerk zu arbeiten und dabei auch noch gutes Geld zu verdienen.
Ist auch Viega Österreich vom Fachkräftemangel betroffen? Suchen Sie aktuell neue Mitarbeitende? Bilden Sie selbst Lehrlinge aus?
Rüsche: Wir sind gerade auf der Suche nach Unterstützung im Innendienst. Wir selbst bilden in unserem Seminarcenter keine Lehrlinge aus. Aber wir betreiben unser Viega Seminarcenter in Attersee als hochmodernes Aus- und Weiterbildungszentrum. Hier schulen wir nicht nur Fachkräfte, sondern bieten auch die Möglichkeit für Schülerpraktika und Veranstaltungen, die den Nachwuchs für die Branche begeistern sollen.
Besondere Brisanz erhält das Thema Fachkräftemangel in Hinblick auf den geringen Frauenanteil in der Branche. Viega sagt: „Die Arbeit in der Technik ist keine Frage des Geschlechts!“ Wie hoch ist der Frauenanteil bei Viega International und bei Viega Österreich?
Rüsche: Vielfalt, auch geschlechterspezifische Vielfalt ist die Basis für Kreativität und Erfolg, wir sind davon überzeugt! Mit der Confidence-Akademie bietet Viega Frauen ein eigenes Coachingprogramm, das sie in ihrer beruflichen und persönlichen Entwicklung fördert und unterstützt.
Wir beschäftigen in Österreich derzeit sieben Frauen in unterschiedlichen Bereichen, das entspricht rund 20 Prozent. Ich hätte sehr, sehr gerne eine Dame im Außendienst, habe aber leider noch nie eine Bewerbung erhalten.
Ganz langsam setzt ein Umdenken ein, denke ich – es gibt weibliche Role Models und Influencerinnen, die anderen jungen Frauen vielleicht Mut machen, einen technischen Beruf zu erlernen. Ich bedaure es, dass wir heute noch über dieses Thema reden müssen.
Ganz zum Schluss: Wenn Sie sich für Viega Österreich und für sich privat etwas wünschen dürften – wie würden diese Wünsche lauten?
Rüsche: Eine schöne Frage! Für Viega Österreich wünsche ich mir, dass wir unsere Rolle als verlässlicher Partner unserer Kunden weiter ausbauen können, dass wir es gemeinsam schaffen, noch mehr junge Menschen für unsere zukunftsorientierte Branche zu begeistern, und wir mit Innovationen und Systemlösungen das Leben der Menschen sicherer, hygienischer und komfortabler machen.
Meinen Mitarbeitenden möchte ich weiterhin ein inspirierendes und wertschätzendes Arbeitsumfeld bieten, in dem sie ihr Potenzial voll ausschöpfen können.
Privat wünsche ich mir: Gesundheit, für das andere bin ich selbst verantwortlich.
Herzlichen Dank für das Gespräch.
